PLUS_WZ

Mein erstes PLUS-Festival im Jahre 2003 werde ich niemals vergessen. Ganz unbedarft half ich damals meinen Kumpels von einer Freisinger Band, das Auto für ihren Gig voll zu laden. Wir fuhren bepackt bis oben hin mit Drumset, Gitarren, Verstärkern und was man sonst noch alles braucht in 2 alten, klapprigen Kombis Richtung Vöttinger Weiher. Bis zu diesem Tag war das PLUS bei mir noch kein Thema und ich ahnte nicht, dass es mich nicht mehr loslassen würde. Kaum angekommen, ging es direkt los. In sengender Hitze wurde schnellstens alles aufgebaut, schließlich sollten meine Freunde das Festival an diesem Tag eröffnen. Und wie das Leben so spielt, hatte das beladen natürlich viel zu lange gedauert. Stress pur! Plötzlich wurde mir dann als „Stagehand“ ein Band-Pass von der Bandbetreuung in die Hand gedrückt und ich durfte bleiben, obwohl ich das eigentlich gar nicht vor hatte. Helfen und anschließend heimfahren, so war der Plan. Schließlich hatte ich vor am folgenden Sonntag, früh morgens, auf ein Zeltlager in die Oberpfalz zu fahren. Ich musste eigentlich noch für 2 Wochen meine 7 Sachen zusammenpacken und hatte gar keine Zeit.

Nur so viel, ich hatte bis Sonntag natürlich noch nicht gepackt, da ich eigentlich durchgehend am Vöttinger Weiher unterwegs war. Und so kam es, dass ich mich in der Eile komplett verkalkuliert hatte. Die Freizeiten beim zelten habe ich dann überwiegend mit Handwäsche meines recht spärlich ausgefallenen Gepäcks verbracht. Aber da musste ich eben durch.

Damals sah das Festival natürlich noch ein wenig anders aus. Das Catering stand direkt neben der Bühne, mit dem Caravan kam noch kaum jemand und auch das Camping fiel noch deutlich sparsamer aus. Trotzdem versprühte das PLUS bereits dieses unvergleichbare Feeling, welches es bis heute zu einem der besten Festivals macht, das ich bisher erleben durfte. Dass es irgendwann einmal so weit kommen sollte, zumindest von der Location, Abschied nehmen zu müssen, kam mir bis vor ein paar Jahren überhaupt nicht in den Sinn. Erst recht nicht wegen einer Umgehungsstraße die man unverständlicherweise direkt neben dem Naherholungsgebiet „Vöttinger Weiher“ auf einer hohen Trasse vorbei führen wird.

Seit 2007 begleite ich nun das PLUS für Onlinemedien. Zuerst als Schreiberling, ab 2008 dann auch mit der ersten eigenen Spiegelreflexkamera. Anfangs noch für fs-location.de und vor einigen Jahren wechselte ich, gemeinsam mit Lena, zu fs-guide.de. Jeder von uns konnte seine persönlichen Highlights sammeln. Da gab es ein Interview mit Rainer von Vielen in der Fahrerkabine seines Sprinters im Backstagebereich, während direkt nebenan die nächste Band in einer irren Lautstärke loslegte. Oder Bonaparte, die uns bis dahin vollkommen unbekannt waren, überraschten – nein überforderten uns regelrecht mit einer vollkommen abgedrehten Bühnenshow. In Erinnerung blieben aber auch noch viele weitere Acts. Kaizers Orchestra die mit einem Harmonium, Ölfässern, Gasmasken und einem wahnsinnig sympathischen Frontmann an den Start gingen. Stereo Total mit einer Sängerin, die das Klischee einer Französischlehrerin perfekt erfüllt, allerdings aus voller Kehle der „Liebe zu dritt“ huldigt. Oder Bodi Bill, die zeigten, was eine Extase auf der Bühne bedeutet. Und nicht zuletzt, neben vielen vielen weiteren Highlights, Bernd Begemann und die Befreiung, die im vollen Gewitter die Crowd und uns an der Bühne hielten. Für Lenas Kamera war das wohl etwas zu viel Wasser, was uns Tags darauf noch einen großen Schock verleihen sollte. Die damals ziemlich neue Canon 6D und das Tamron 24-70mm stellten ihren Dienst vorübergehend ein.

Jedes Jahr hatte seinen speziellen Charakter. Von Wüstenplanet bis zu knietiefem Schlamm, der das komplette Gelände überzog und teure Reparaturen verlangte, war nun wirklich alles dabei. Aber zu keiner Zeit spürte man eine schlechte Stimmung am Gelände und neben dem „Stereo“ an den Bühnen ließ es sich immer „Prima Leben“ auf dem gesamten Gelände. Für 2015 zeichnet sich nun das „Grande Finale“ am Vöttinger Weiher ab. Das Line-Up spricht unserer Meinung auf jeden Fall dafür.

Freitag 31. Juli 2015

Wer es am Freitag pünktlich auf das Festivalgelände schafft, kann sich ab cirka 15:30 auf die erste Band freuen. Als Opener wurde Stilbruch verpflichtet. Eine Band, die sich durch den Klang von Cello und Violine auszeichnet und ihre Ursprünge in der Straßenmusik fand. Trotz dem Einsatz klassischer Instrumente klingen sie doch angenehm jung, frisch und modern. Ein echter Stilbruch eben, der dem ein oder anderen sicher im Ohr hängen bleiben wird und ganz klar zeigt: In diesem Jahr soll sich ein Höhepunkt an den Nächsten reihen. Im Anschluss geht es direkt weiter mit Nörd aus Berlin. Die Band legte einen Blitzstart hin, nachdem 2013 ihre erste Singleauskopplung erschien und sorgten mit ihrem Song „Drogen“, in dessen Musikvideo einige deutsche Stars und Sternchen verpflichtet wurden, für viel Furore. Nach einem Intro von Markus Kavka singen Klaas Heufer-Umlauf, Westernhagen und viele mehr scheinbar den Refrain. Die Nörds wissen allerdings auch ganz genau, wie man einen eingängigen Song konstruiert und so herrscht bereits mitten am späten Nachmittag Tanzgarantie. Weiter geht es dann direkt mit Philipp Dittberner, der den meisten wohl erst seit seinem Song Wolke 4 bekannt sein dürfte, welcher zeitgleich seine einzige käuflich erwerbbare Single ist. Als echter „Soundclouder“ veröffentlicht er seit 2012 seine Songs – eigentlich ausschließlich – auf seinem dortigen Kanal. Selbstredend ist auch die Zusammenarbeit mit Marv, die sich für den Top 10 Song verantwortlich zeigt, angeblich nur über das Internet abgelaufen. Ein Singer-Songwriter der ganz neuen Schule, der mit seiner angenehmen Melancholie das Publikum sicher in seinen Bann reißen wird. Mit Trümmer im Anschluss bleibt es zwar durchaus philosophisch, aber es wird wieder mehr gerockt. So spielt die Hamburger Kombo das ein oder andere Brett, welches sich zwischen rockig, punkigem Popsound verorten darf. Mit ihren gesellschaftskritischen Texten räumten sie, trotz ihrer jungen Bandkarriere, viele Kritikerpreise ab. Zur Primetime des Abends spielt Jérôme Amandis alias Talisco seinen Electro-Folk. Sehr epochal und melancholisch lädt seine Musik zum baumeln lassen der Gedanken ein. Ich sehe vor meinem inneren Auge das Publikum schon förmlich vor mir, wie es in Trance und kompletter Euphorie mitschwingt. Eine meditative Einstimmung für das was nun folgt? Anschließend wird es elektronisch. Mit Booka Shade erfüllt sich für mich ein kleiner Jugendtraum aus der Phase, in der ich eigentlich ausschließlich Minimal House gehört habe. Zur damaligen Zeit war kaum ein rankommen an Booka Shade ausserhalb von großen, weit entfernten und teuren Techno-Megaevents. So bekam ich dann doch etwas Schnappatmung, als – völlig unverhofft – deren Name auf dem Line-Up des doch relativ kleinen PLUS Festivals im beschaulichen Freising auftauchte. Auch noch als Live-Act, wie ich es mir immer gewünscht hatte und nicht etwa als DJ-Set. Das war für mich in dieser Konstellation DIE Festivalüberraschung überhaupt und ließ die Vorfreude aufs PLUS sofort ins Unermessliche steigen. So musste ich doch an die vielen, langen und durchzechten Abende denken, an denen ich mit meinen Kumpels zu „Body Language“ abgefeiert habe. Den Abschluss des ersten Abends bekommen wir dann von zwei echten Wiederholungstätern serviert. Roger & Schu sind zu Gast als „kleine“ Variante von Blumentopf, mit denen sie seit 2004 zu den regelmäßigen Ehrengästen in Freising zählen. Dass die Jungs die Domstadt tief im Herzen tragen, merkt man definitiv. Kein Wunder, wurde Blumentopf doch 1992 in der Domstadt gegründet. So fühlte sich jedes Konzert, das ich bisher besuchen durfte, sehr heimelig und wie im Wohnzimmer an. Natürlich dürfen sie beim großen Vöttinger-Finale nicht fehlen. Dieses Jahr sogar zwei mal. Aber dazu später mehr!

Samstag 1. August 2015

Der Samstag wird eingeleitet von Impala Ray, einer super sympatischen Kombo um Rainer Gärtner, der ebenfalls seinen musikalischen Ursprung hier bei uns fand. Vor einigen Jahren durfte man ihn als ein Hälfte von Rainman & Snaretom aka Rain Tom bereits 2010 auf dem PLUS erleben. Ganz alte Hasen kennen ihn vielleicht noch von Ammoniak, was musikalisch noch eine ganz andere Richtung war. Eine Wendung von der er definitiv profitiert hat. Heute versprüht er mit Impala Ray einen wahnsinnig auflockernden und vollkommen einzigartigen Drive. Folkmusik die beim zugucken einfach irre viel Spaß macht. Im Anschluss geht es mit der Münchner Band Cosby weiter, die aktuell in aller Munde ist, nicht zuletzt durch den Support des Newcomer-Formats „Startrampe“ von einsplus. Ihr ausgeklügelter und durchaus tanzbarer Synthie-Pop, veredelt mit der herausragenden Stimme von Sängerin Marie, bleibt im Gedächtnis. Besonders „Boon and Baine“ lief auf vielen Radiosendern in Heavy-Rotation. Cosby definiert sich als echte Indie-Band und gründeten zur Veröffentlichung ihrer ersten EP gleich ihr eigenes Indie-Label Just Push Play. Danach dürfen wir Monaco F begrüßen. Ja, den von Doppel D mit der Bierallergie, der bereits 2011 zusammen mit „Gräm“ und „Spliff“ das PLUS besuchte. Als Pionier des bayrischen Mundart-Raps hat er den Weg für Hip-Hop Musik bereitet, der man wohl nur in gewissen Teilen Deutschlands wirklich folgen kann. Ich freue mich schon auf griabign Rap mit am gschmeidign Beat und am Schmäh, den ich heutzutage leider viel zu selten auf den Straßen vernehmen darf. Mit der Liga der gewöhnlichen Gentleman geht es anschließend ans andere Ende Deutschlands, nämlich nach Hamburg. Ebenfalls irgendwie Wiederholungstäter. So besuchten uns Carsten Friedrichs und Tim Jürgens bereits 2005 als Sänger von Superpunk. Auf ihrem aktuellen Album „Alle Ampeln auf Gelb!“ verarbeiten sie Anekdoten und Beobachtung aus dem Alltag in 10 musikalischen Kurzgeschichten. Sehr hörenswert! Getreu dem Motto „Mehr ist mehr“ bedienen sie sich einer breiten Palette an Instrumenten wie Banjos, Saxophon, Trompeten, alles scheint erlaubt, außer Flöten… Die wurden bereits auf dem ersten Album erschöpft. 😉 Gepaart mit brillanten Formulierungen wird das Album zum absolut abwechslungsreichen Hörerlebnis. Zur Primetime am Samstag dürfen wir uns auf die Orsons freuen. Die aktuelle Single „Schwung in die Kiste“ dürfte wohl vielen ein Begriff sein und strotzt nur so vor Ironie und Sarkasmus, einer Linie, der sie seit der ersten Minute treu geblieben sind. Die Orsons polarisieren auf Boss-Level. Die Kritiker sind sich seit dem ersten Album nicht so ganz sicher, was sie nun eigentlich von ihnen halten sollen. Ich jedenfalls finde sie mehr als genial und verfolge die Hip-Hop Gruppe schon einige Zeit. Aufmerksam bin ich geworden durch den Song „Horst&Monika“, welcher doch tatsächlich, so unglaublich es klingen mag, auf einer wahren Begebenheit beruht. Nun kommen wir zu DEN Stammgästen des PLUS überhaupt. Blumentopf und die österreichische Rap-Crew Texta machen gemeinsame Sache. Sie fusionierten Anfang des Jahres zu TNT aka Texta&Topf und präsentierten ein gemeinsames Album mit dem Titel #HMLR. 2013, 2010, 2006 und 2004 war immer mindestens eine der beiden Gruppen auf dem PLUS zu Gast. Hoch gerechnet kommen sie zusammen auf eine unvergleichbar hohe Spielzeit in Freising. Mehr als passend, dass sie zum großen Finale gleich gemeinsam auf die Bühne gehen können. Wir sind sehr gespannt, was die 9 Jungs auf der Bühne zeigen werden. Das Album jedenfalls ist absolut eingängig und vereint die beiden Crews zu einem unheimlich harmonischem Ganzen. Den Abschluss des letzten PLUS-Festivals am Vöttinger Weiher dürfen die Rave-Punker von Saalschutz bespielen. Das Züricher Duo ist seit längerem fester Bestandteil meiner Playlisten. Ihr bunter elektronischer Crossover der immer treibend und eingängig daher kommt und mit ironischen, teils etwas anklagenden Texten gewürzt wird, wird nur schwer langweilig. Saalschutz kommt trashig und oft selbstironisch daher. Ein Konzert welches man sehr wahrscheinlich mit einem grinsen und guten Erinnerungen verlassen wird. Bleibt zu hoffen, dass das alle so sehen werden, denn dann wird es heißen „Und alle so yeah“, wenn sich der Vorhang 2015 schließt.

Für die Zukunft bleibt nur zu hoffen, dass das PLUS-Festival eine neue Heimat findet, die an den Flair des Vöttinger Weihers nahtlos anschließen kann. Wäre es doch ein schwerer Verlust für die Freisinger Kulturlandschaft, der nicht mit neuen Straßen aufzuwiegen ist. Mein Vorschlag, die Tangente einmal im Jahr für das Festival zu sperren und weiterhin dort zu veranstalten, wird wohl leider kein Gehör finden. Bekämen die Zufahrtswege schließlich ein ziemlich großes Upgrade… 😉

In diesem Jahr haben wir uns zum Ziel genommen, die volle Dosis PLUS mit zu nehmen und Eindrücke von früh bis spät zu sammeln die wir so noch nie gesammelt haben. Wenigstens einmal von Donnerstag abends, bis Sonntag mittags auf dem Gelände bleiben, wie ein „echter Gast“. Dies wollen wir, sollte uns das LTE nicht im Stich lassen, möglichst direkt vom Gelände Bloggen. Lasst euch nicht entgehen, wenn es vom 31. Juli bis zum 1. August ein letztes mal heißt „Prima leben und stereo“ am Vöttinger Weiher in Freising. Karten gibt es noch im Onlineshop auf der Festivalseite. Allerdings ist Eile geboten! Das Kontingent ist wie immer begrenzt und erfahrungsgemäß auch sehr bald ausverkauft. Lasst euch diese Chance nicht entgehen und feiert mit dem PLUS und uns das große Finale!

Spotify-Playlist PLUS 2015

Über den Autor

Seit 2008 begeistert mich die Fotografie. Erst auf Partys, mit einer alten kaputten 350D, nun schon aus der Luft mit einem Multicopter. Immer interessiert an neuen Aufnahmetechniken und deren Umsetzung, erfülle ich hier wohl oft die Quote der Nerds. Macht nix, diese Position wird mir schon lange nachgesagt - umso begeisterter sind die Leute, wenn ich dann tolle Bilder mache... :)

  • PLUS 2015 – Der Auftakt
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  • Lichtkunst in Freising
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